Zwei Betriebe der Fleischverarbeitung mit ähnlichem Umsatz können je nach Bundesland völlig unterschiedliche Stromkosten haben. Beim Stromverbrauch schwankt laut einem aktuellen Report keine der untersuchten Branchen stärker zwischen den Regionen. Der Standort ist ein Kostenfaktor, den viele Betriebe unterschätzen.
Die Kühlung ist im Fleischerhandwerk kein Nebenverbraucher, sondern ein Kernprozess. Schlachtung, Zerlegung, Verarbeitung, Lagerung und Verkauf laufen auf mehreren Temperaturniveaus gleichzeitig. Tiefkühlware bindet zusätzlich Kälteleistung. Wurstherstellung kommt noch dazu: Brühen, Kochen und Räuchern brauchen Wärme; Abkühlung und Lagerung wiederum Kälte. Beides läuft im selben Betrieb parallel. Kleinere Betriebe trifft das besonders hart. Im Verhältnis zum Umsatz wiegen Energiekosten dort stärker als in großen, gut ausgelasteten Anlagen. Teillastbetrieb, ältere Kälteanlagen und hohe Leistungsspitzen kommen oft noch dazu.
Gewerbestrom-Report

Der aktuelle Gewerbestrom-Report von wattline wertet dafür erstmals die Daten von über 26.000 KMUs nach Bundesland und Branche aus. Unter den zwölf untersuchten Branchen fällt die Fleisch- und Fischverarbeitung besonders auf. Nirgendwo sonst schwankt der Stromverbrauch zwischen den Bundesländern so stark. Bundesweit über alle Branchen hinweg liegt die Preisspanne bei 17 Prozentpunkten zwischen dem teuersten und dem günstigsten Bundesland. Das allgemeine Preisniveau für Gewerbestrom verdoppelte sich seit der Energiekrise 2020.
Regionale Extreme
In Brandenburg liegt der Verbrauch demnach 734 % ¸über dem bundesweiten Median, in Berlin 79 % darunter. Absolut verbrauchen Brandenburger Betriebe damit knapp das 40fache dessen, was Berliner Betriebe aufwenden. Bezahlen müssen diese trotzdem am meisten: Die dortigen Strompreise liegen 22 % über dem Bundesdurchschnitt. Hoher Verbrauch und hoher Preis fallen also nicht zwangsläufig zusammen.
Einordnung und Ökostrom-Anteil
„Über die Energiekosten von Haushalten und der Industrie wird viel gesprochen – der Mittelstand bleibt dagegen oft außen vor”, sagt Philip Gutschke, stv. Geschäftsführer bei wattline. Für Betriebe der Fleisch- und Fischverarbeitung heißt das: Ein Vergleich mit der eigenen Branche und Region lohnt sich, bevor der nächste Vertrag verhandelt wird. Auch beim Ökostrom-Anteil liegt die Branche zurück: Mit 18,1 % bezieht diese deutlich weniger Grünstrom als der Bundesdurchschnitt aller KMU von 29,8 %. Das zeigt zusätzlichen Spielraum bei der Wahl des Stromtarifs, unabhängig vom reinen Preis.
Auf Belastung reagieren
Wer die eigenen Zahlen kennt, hat mehr Hebel zur Verfügung als nur den Blick auf den Tarif. Alte Einzelkälteanlagen mit festlaufenden Verdichtern gelten als Schwachstelle. Verbundanlagen mit drehzahlgeregelten Verdichtern und optimierten Edelstahlverdampfern senken den Energieverbrauch spürbar, ergänzt durch LED-Beleuchtung in Kühlräumen und bessere Türdichtungen an Kühlhäusern.
Wahl des Kältemittels
Bei der Wahl des Kältemittels schlägt die Regulierung direkt auf die Kosten durch: Fluorierte Kältemittel werden durch das EU-Quotensystem knapper und damit teurer, natürliche Alternativen wie CO2, Propan oder Ammoniak sind davon nicht betroffen. Parallel gewinnt Wärmerückgewinnung an Bedeutung: Abwärme aus der Kälteanlage lässt sich etwa zur Brauchwassererwärmung nutzen, statt ungenutzt zu verpuffen.
Eine fachliche Energieberatung deckt Lastspitzen und Einsparpotenziale auf, oft schon durch kleinere Anpassungen an Betriebsabläufen. Der Beitritt zu Einkaufsgemeinschaften bringt zusätzlich bessere Konditionen, gerade für kleinere Betriebe ohne eigene Einkaufsabteilung, die allein kaum Verhandlungsmacht haben.
Steuerliche Entlastung
Entlastung kommt seit 2026 auch von staatlicher Seite: Betriebe des produzierenden Gewerbes zahlen dauerhaft nur noch den europäischen Mindestsatz an Stromsteuer. Voraussetzung sind ein Jahresverbrauch von mindestens 12.500 kWh sowie ein Antrag beim zuständigen Hauptzollamt und der Nachweis, dass der Betrieb tatsächlich zum produzierenden Gewerbe zählt. Wer diese Maßnahmen kombiniert – effizientere Kältetechnik, bessere Einkaufskonditionen und steuerliche Entlastung –, macht sich unabhängiger von Preisschwankungen und vom eigenen Standort. Ein Thema dürfte dies auch auf der SÜFFA in Stuttgart sein. Wer die eigene Ausgangslage kennt, verhandelt mit einer stärkeren Position.
Fazit: Am Ende bleibt der Befund aus dem Report bestehen: Zwei Betriebe mit ähnlichem Umsatz können je nach Bundesland völlig unterschiedliche Stromrechnungen haben. Wer das nicht weiß, verschenkt Verhandlungsspielraum – unabhängig davon, wie gut die eigenen Anlagen bereits laufen. red

Zum Autor: Philip Gutschke ist seit über 15 Jahren im Energiesektor aktiv – als Unternehmensberater, später bei einem Energieversorger. Seit 2011 bringt er seine Expertise bei der wattline GmbH ein. Dort verantwortet er als stv. Geschäftsführer und Bereichsleiter Energiebeschaffung die Einkaufsprozesse der Energie-Einkaufsgemeinschaft und vertritt deren Interessen im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).