Internationale Fresenius-Konferenz “Organic Food”

Mainz. Das am 1. Juli 2010 eingeführte EU-Bio-Logo kennzeichnet Lebensmittel, die mindestens 95 Prozent aus biologischem Anbau stammen und einen Hinweis auf die Herkunft ihrer Rohstoffe tragen. Was bedeutet das neue Logo für die Lebensmittelindustrie und wie steht es um das Konsumentenverhalten? Welche Qualitätsmerkmale spielen bei Bio-Lebensmitteln eine Rolle? Diese und andere Fragen diskutierten Experten am 17. und 18. November 2010 auf der Internationalen Fresenius-Konferenz "Organic Food" in Mainz.

„Bio" ist nicht durch das Endprodukt und seine Bestandteile definiert, sondern durch den gesamten Produktionsprozess. Der Biosektor sei aus der Interaktion und dem Dialog zwischen Konsumenten und Produzenten heraus gewachsen, resümierte Dr. Alexander Beck von der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL). Ökologischer Landbau, Verarbeitung und Handel würden durch diesen Dialog weiterentwickelt und dynamisch angepasst. "Dadurch hat der Biosektor in der ganzen Welt eine enorme Beachtung erhalten – Bio ist ein Begriff für verantwortliches Verhalten im Lebensmittelsektor geworden", folgerte Beck.

Das Konzept ökologischer Produktion fand vor 20 Jahren in der europäischen Öko-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 Berücksichtigung. Das praktische Ergebnis war ein ökologisches Landbau-Konzept, das sowohl umweltrelevante Problemstellungen als auch den Tierschutz berücksichtigt. Beck prophezeit Wachstumsraten von 10 bis 15 Prozent pro Jahr: „Der Markt für nachhaltig produzierte Lebensmittel, also Bio-Produkte, wird über die nächsten Jahre konstant wachsen. Aber parallel dazu haben wir einen dringenden Bedarf, das gegenwärtige Öko-Konzept weiterzuentwickeln." Seine Schlussfolgerung: Um sicherzugehen, dass das Vertrauen der Konsumenten in Bio-Lebensmittel geschützt oder sogar verstärkt wird, ist es notwendig, neue Instrumente zur Qualitätssicherung zu entwickeln und die Kontroll- und Zertifizierungssysteme kontinuierlich zu verbessern.

Das neue EU-Bio-Logo: Vertrauen in das „grüne Blatt"?

Das obligatorische EU-Logo für Bio-Lebensmittel beinhaltet als Neuerung die Angabepflicht zur Herkunft der Rohstoffe aus „EU-Landwirtschaft", „Nicht-EU-Landwirtschaft" oder „EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft". Der Name eines Landes kann nur dann verwendet werden, wenn mindestens 98 Prozent der landwirtschaftlichen Rohstoffe in ein und demselben Land angebaut wurden. Meike Janssen von der Universität Kassel beschäftigte sich mit dem neuen EU-Bio-Logo in Bezug auf die Erwartungen der Konsumenten und den Einfluss auf den Biosektor. Derzeit ist noch unklar, wie Verbraucher auf das neue Logo reagieren werden: „In einer empirischen Konsumentenstudie in fünf europäischen Ländern haben wir festgestellt, dass die Einführung eines verpflichtenden EU-Bio-Logos von den Konsumenten im Allgemeinen begrüßt wurde. Jedoch war das Konsumentenvertrauen in die Produktionsstandards und das Kontrollsystem hinter dem EU-Logo eher gering", sagte Janssen. Die Analyse der Konsumentenpräferenzen für verschiedene Bio-Logos zeigte, dass Produkte mit einem Bio-Logo generell bevorzugt wurden. Darüber hinaus wurden bekannte Bio-Logos am stärksten bevorzugt.

Produzenten, verarbeitenden Unternehmen und Händlern empfiehlt Janssen, während der Übergangszeit zusätzlich zum neuen obligatorischen EU-Logo die bereits etablierten Bio-Logos zu verwenden. Händler sollten ihre Kunden über das neue EU-Logo und über die Aspekte der ökologischen Landwirtschaft informieren. Ferner rät Janssen dazu, die Tatsache hervorzuheben, dass Bio-Lebensmittel unter staatlicher Aufsicht zertifiziert und kontrolliert werden. Sie machte deutlich, dass eine Produktdifferenzierungsstrategie basierend auf strengeren Produktionsstandards zusätzlich zu den europäischen Standards nur dann erfolgreich sein könne, wenn die Konsumenten die Unterschiede verstünden und wertschätzten. Strengere Produktionsstandards sollten sich nach den Kriterien richten, die für die Konsumenten wirklich wichtig sind, zum Beispiel Tierschutz und faire Produzentenpreise. Da die Nachfrage nach lokalen Lebensmitteln steige, funktioniere eine Produktdifferenzierungsstrategie bezogen auf „Herkunft" nur dann, wenn es mehr Anstrengungen in die einheimische Beschaffung von Rohmaterialien gäbe, folgerte Janssen. Dafür sollte eine Kommunikationsstrategie implementiert werden, die auf die regionale Herkunft zugeschnitten ist.

Fair Trade – soziale Aspekte der Bio-Produktion

Andreas Biesantz, Demeter International (Brüssel), wies auf die gesellschaftlichen Aspekte und die Situation der Sozialstandards in der Bio-Produktion hin: „Sozialleistungen in der Lebensmittelproduktion stellen eine über die üblichen Dienstleistungsstandards hinausgehende Leistung für die Menschen und die Öffentlichkeit dar. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese marktfähig sind oder nicht." Entsprechend dieser Definition erzeuge eine soziale Lebensmittelproduktion einen zusätzlichen Nutzen für die Gesellschaft, so Biesantz. Ein Beispiel dafür ist Fair Trade, eine organisierte soziale Bewegung mit einem marktgestützten Ansatz. Dessen Ziel ist es, Produzenten in Entwicklungsländern zu unterstützen und die Nachhaltigkeit voranzutreiben. Diese Bewegung befürwortet sowohl einen höheren Preis für Produzenten als auch die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Export von Produkten aus Entwicklungsländern, die von den Industrienationen nachgefragt werden. „In 2008 betrug der Umsatz von Fair Trade weltweit etwa 2,9 Milliarden Euro, knapp ein Viertel mehr als im Vorjahr. Schätzungsweise über 7,5 Million Produzenten und ihre Familien profitieren von der durch Fair Trade finanzierten Infrastruktur, der technischen Unterstützung und den gemeinschaftlichen Entwicklungsprojekten", sagte Biesantz.

Marktgespräche am runden Tisch: wirtschaftliche Probleme entlang der Lebensmittelkette lösen

Das Fair-Trade-Modell könne zu einem Modell des „Assoziativen Wirtschaftens" erweitert werden, so Biesantz weiter. Dieses Modell basiere darauf, dass alle Akteure der Lebensmittelkette – Produzenten, Verarbeiter, Händler und Konsumenten – durch das Instrument von „Marktgesprächen" am runden Tisch wirtschaftliche Probleme gemeinsam lösen. „Die Assoziation bewirkt, dass der Landwirt nicht mehr bei einer einfachen Abliefermentalität stehen bleibt. Der Händler lernt dagegen, dass die Qualität entsprechend leidet und die Produzenten irgendwann aufgeben müssen, wenn er immer nur die billigsten Lieferanten bevorzugt. Der Verbraucher wiederum muss aus Einsicht bereit sein, einen bestimmten Preis für ein Produkt zu bezahlen", meinte Biesantz.

Biesantz forderte, dass die WTO-Vereinbarungen Fair Trade mit all seinen spezifischen Aspekten respektieren und Sozialstandards in der Lebensmittelproduktion sowie in der Handelskette praktizieren sollten. Die Einführung und Kennzeichnung sozialer Zertifizierungsstandards könnten für bestimmte Produzenten und Konsumentengruppen von Interesse sein. Systeme der Agrar- und Lebensmittelproduktion sind nicht sozial verträglich, wenn Umweltschäden als Folgekosten für die Steuerzahler entstehen und die Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten steigt. Dagegen können Lebensmittelproduktion und Lebensmittelkonsum dann sozial genannt werden, wenn sie Fair-Trade-Praktiken und Tierschutz beinhalten und sich positiv auf öffentliche Güter wie Umwelt, biologische Vielfalt und Erholungsgebiete auswirken.

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