
6.00 Uhr morgens eine Dunstglocke hängt über São Paulo und trotzdem ist es schon unglaublich warm und vor allen Dingen schwül. Gut, dass wir gleich ins Hotel gebracht werden, in dem die Zimmer natürlich klimatisiert sind. Die Fahrt dorthin war allein schon ein Erlebnis und ich fange an zu begreifen, warum eine so unglaublich nebelig trübe Luft über der Stadt hängt überall sind Autos Unmengen von Autos! Und ich weiß, ich freue mich schon jetzt darauf, in die ländlichen Regionen Brasiliens zu fliegen. Dennoch ist São Paulo beeindruckend, was wohl vor allen Dingen an der Größe und dem ganzen Trubel in der Stadt liegt.
Offene Menschen und zufriedenes Vieh
Früh am nächsten Morgen ist es soweit. Wir fliegen mit einem kleinen Jet aus dem man eine wunderschöne Aussicht genießen kann in Richtung Barretos. Barretos liegt im nördlichen Teil des Bundesstaates São Paulo. Dort ist einer der Schlacht- und Zerlegebetriebe der Indústria e Comércio de Carnes Minerva Ltda. angesiedelt. Hier können monatlich bis zu 40.000 Tiere geschlachtet werden. Das Unternehmen beliefert neben den einheimischen Märkten 40 verschiedene Länder. Was schon in diesem Betrieb ins Auge sticht, sind die vielen Arbeitnehmer. Da die Lohnkosten in Brasilien eher niedrig sind, ist es für Unternehmen kostengünstiger, eine hohe Anzahl an Mitarbeitern zu beschäftigen, als teure und moderne Technik zu kaufen. Was auffällig ist, dass alle einen zufriedenen und freundlichen Eindruck machen. Die Mitarbeiter sind gut gelaunt und zwinkern uns fröhlich zu. Das liegt daran, dass die Arbeitsstelle hier mehr als nur eine Arbeitsplatz ist. Die Fabriken liefern eine Art soziales Umfeld und auch Sicherheit für die Angestellten. Das ganze Leben dreht sich um den Betrieb, denn ein Großteil der Einwohnerschaft arbeitet hier und das Unternehmen kümmert sich um seine Mitarbeiter, so Iain Mars, Superintendent der Minerva Ltda. Auch das Arbeiten ist hier ganz anders als in Europa, wir nehmen uns Zeit. Wir arbeiten zwar bis spät in den Abend, aber dennoch haben wir Muße, um uns mit unseren Gästen und Geschäftspartnern zu unterhalten und sie auch privat kennen zu lernen, berichtet der gebürtige Brite weiter, während wir gemütlich in der Mittagssonne sitzen und uns durch ein Bier Abkühlung verschaffen. Auch in Andradina im Bundesstaat São Paulo bei der Friboi Group bestätigt sich dieser Eindruck. Die Friboi Group beschäftigt an diesem Standort etwa 1.400 Mitarbeiter und hat sich im Bereich der Fleischverarbeitung auf Schlacht- und Zerlegeprodukte spezialisiert. Es ist in Brasilien das zweitgrößte Unternehmen dieser Art und liefert Corned Beef hauptsächlich an die USA und England. Andere Fleischwaren, wie gefrorenes und frisches Fleisch, werden eher in die EU, den Mittleren Osten sowie Chile exportiert. Bei diesen Exporten steht Brasilien in direktem Konkurrenzkampf mit Argentinien, Neuseeland und Australien.
Die Brasilianer sind von der Qualität ihres Rindfleisches überzeugt was sie uns bei etlichen leckeren Barbecues auch beweisen. Der Vorteil des brasilianischen Rindfleisches, so Edivar Vilela de Queiroz, President of the Brazilian Association of Beef Exports Industries, ist nicht nur, dass die Rinder extensiv gehalten werden, sondern auch, dass die Qualität des Fleisches aufgrund der Züchtungen sehr gut ist. Der wichtigste Punkt ist hier, dass das Fett nicht in das Fleisch reinwächst sondern obenauf liegt.

Unendliche Weiten, Cowboys und Herden
80% der auf Brasiliens 2,19 Mio. Farmen gehaltenen Rinder sind Zebus oder Kreuzungen aus Zebus und europäischen Rassen, wie Angus, Hereford, Limousins oder Simmenthaler. Bei den Kreuzung ist jeweils das Zebu die Mutterkuh. Bei diesen Züchtungen ist die Fleischleistung der Zebus und die Milchleistung der anderen Rassen wichtig. Bei einer der Farmen der São João Group, einer knapp 5.000ha großen Farmkooperation im Bundesstaat Goiás, werden jährlich ca. 11.600 Jungbullen schlachtreif. Die Farm kauft die Kälber im Alter von acht Monaten. Bis zu diesem Alter leben die Tiere in Mutterkuhhaltung. Die Aufzucht auf dieser Farm ist sowohl extensiv als auch intensiv. Die intensive Haltung erfolgt in zwei jeweils 100ha großen runden Arealen, dem Pivot, die durch eine Rotationsberegnungsanlage bewässert werden. Auf einer solchen Fläche werden zwischen 600 und 800 Tiere gehalten. Die Fläche ist in 28 Segmente eingeteilt, wobei ein Abschnitt jeweils einen Tag im Monat abgegrast wird. Jeder Abschnitt hat so etwa einen Monat Zeit zur Regeneration. Während der Wintermonate erfolgt eine Zufütterung der Rinder mit Mais, Sojabohnen und Mineralstoffen. Diese Zufütterung geschieht nur zu dem Zweck das Gewicht der Tiere zu halten. Denn nur so bleibt das Fleisch zart, da die Gewichtszunahme und der Gewichtsverlust wegfallen., so Edivar Vilela de Queiroz. Die Schlachtreife wird auf diese Weise nach etwa 24 Monaten erreicht. Auf der Farm werden 40 Mitarbeiter beschäftigt, von denen die meisten als Gauchos tätig sind. Eine Herde etwa 200 bis 300 Tiere wird von mindestens einem Cowboy zu Pferd gehütet. Diese kontrollieren und beobachten die Tiere den ganzen Tag lang auch wenn Viehdiebstahl in diesem Land nicht verbreitet ist.
Utopia im Nirgendwo
Als wir wieder in den Flieger steigen, um unseren letzten Flug nach Brasília anzutreten, tut es mir wirklich Leid, dass ich dieses Land nun bald verlassen muss. Ein letzter Blick durch die Wolken auf die Farm zeigt zwar auch harte Arbeit, vor allem aber eine idyllische Landschaft, große Herden und warmherzige Menschen. Aus diesen Gedanken werde ich abrupt gerissen, als das Flugzeug mal wieder anfängt zu wackeln und ich mich frage, ob wir wohl noch in Brasília ankommen werden, ohne vorher den Boden zuberühren. Endlich in der Hauptstadt Brasiliens gelandet, bietet sich uns ein unglaubliches Bild. Brasília wurde in den 60er Jahren auf dem Zeichenbrett entworfen und ist so unglaublich wie Disney World. Die ganze Stadt ist in Bezirke eingeteilt und im Stil der 60er Jahre gebaut es gibt das Hotelviertel genauso wie das Regierungsviertel. Alles ist geradlinig und einfach utopisch.
Beim Erreichen des Landwirtschaftsministeriums ist mein erster Gedanke, als ich die Architektur des Gebäudes sehe, dass hier unzählige Fernsehgeräte übereinander gestapelt werden. Im Inneren des Gebäudes werden wir von Luiz Carlos de Oliveira, Sekretariat für Veterinärwesen, in Empfang genommen. Er erläutert uns, dass Brasilien mit 167 Mio. Rindern die zweitgrößte Herde der Welt hat und 5 Mio. Arbeitsplätze im direkten Umfeld der Land- und Ernährungswirtschaft angesiedelt sind. In ganz Brasilien werden 5,21 Mio. Rinder pro Jahr schlachtreif, was vor allem auch dadurch begründet wird, dass die Produktivität von 20kg/ha/Jahr in den 70er Jahren auf 34ka/ha/Jahr in 2000 gestiegen ist. Die Kreuzungszüchtung wird sich auch in Zukunft verbessern, so Luiz Carlos de Oliveira, Denn nur durch die Erhöhung der Produktivität der Rassen kann die steigende Nachfrage nach Fleisch vor allen Dingen die der Entwicklungsländer abgedeckt werden.
Bei der ganzen Entwicklung versucht die brasilianische Regierung allerdings, auch die Umwelt, die Hygiene und die Rückverfolgbarkeit von Fleisch zu berücksichtigen. Schon jetzt gilt ein großer Teil Brasiliens als MKS-frei und die staatlichen Programme zur Bekämpfung der Seuche scheinen zu greifen. BSE, so sagt man mir, sei in diesem Land sowieso nie ein Thema gewesen. Wie jedes Mal werden wir zum Abschluß auch dieses Mal mit einem leckeren Essen, Bier und einer Menge Caipirinha überrascht. Die Mittagszeit, so habe ich gelernt, ist hier einfach eine Zeit, in der man den lieben Gott einen guten Mann sein läßt und sich an fröhlichen Gesprächen erfreut.
Ein rundherum tolles Land
Auf dem Weg nach Hause endlich mal wieder in einem großen Flieger fällt mein Blick noch einmal auf Brasília und was mir nach diesen Erfahrung bleibt, ist der Eindruck das Brasilien ein tolles Land ist und das nicht nur aus Sicht der Rinder- und Fleischproduktion. Die Brasilianer sind warmherzige und offene Menschen. Sie haben Spaß, und das nicht nur in ihrer Freizeit. Das Land mit seiner beeindruckenden Weite (8.547.403km2, das sind beinahe 50% des südamerikanischen Kontinents) hat atemberaubende Landschaften und eine sehr große Rinderherde, die auch noch hervorragendes Fleisch liefert.
Es bleibt abzuwarten, wann das Land am Zuckerhut es schaffen wird, Argentinien den Rang des größten Rindfleischexporteurs abzulaufen. mde