Lidl Vemondo Miriam Schroer

Bezahlbare Normalität für alle als Ziel

Miriam Schroer ist beim Discounter Lidl maßgeblich verantwortlich für Umweltschutz, gesellschaftliches Engagement und Ressourceneffizienz. Als Speaker auf der New Food Conference in Berlin wird sie ebenso viel zu sagen haben wie hier vorab im Exklusiv-Interview von FF Future Foods.

Sie ist Bereichsleiterin für Corporate Social Responsibility (CSR) und Nachhaltigkeit bei Lidl in Deutschland. In dieser Funktion verantwortet Miriam Schroer die strategische Ausrichtung des Discounters in den Bereichen Umweltschutz, gesellschaftliches Engagement und Ressourceneffizienz. Lidl ist Hauptsponsor der New Food Conference (NFC) am kommenden Dienstag, 25. August 2026, in Berlin. Deshalb wird auch Miriam Schroer dort mit von der Partie sein. Im Exklusiv-Interview mit FF Future Foods erklärt sie, warum Lidl sein Angebot von Lebensmitteln auf Basis von pflanzlichen Proteinquellen deutlich ausbauen will. Auch Projekte wie die Lidl-Rettertüte gehören zu ihrem Aufgaben-Portfolio.

• Frau Schroer, das Motto der New Food Conference (NFC) lautet in diesem Jahr „Beyond the Hype: Resilient Systems, Cross-Industry Alliances”. Da dürfte reichlich Content für Sie dabei sein. Auf welche Aspekte des Events freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich besonders auf den Realitätscheck: Wie kommen pflanzenbasierte Proteine mittlerweile im Alltag der Menschen an? Wie schaffen wir als Branche den Lückenschluss zwischen Trend und Alltag? Als Lebensmitteleinzelhändler tragen wir mit unserem Sortiment zur Proteinwende bei. Im Schulterschluss mit Herstellern, der Forschung und Start-ups haben wir großes Potenzial, Veränderungen im Markt voranzutreiben. Die Kernfrage für uns lautet: Wie machen wir neue Proteine vom Nischenprodukt zur bezahlbaren Normalität für alle?

Für ein nachhaltiges Wachstum muss am Ende alles stimmen:
Geschmack, Optik, Textur und natürlich auch die Nährwerte.“

• Zur NFC ist diese Frage beinahe Pflichtprogramm: Protein-Lebensmittel boomen im LEH, bisweilen mit kuriosen Auswüchsen. Was ist Ihrer Ansicht nach am ehesten vonnöten/sinnvoll, damit sich in diesem Segment ein verlässliches, nachhaltiges Wachstum einstellt?

Bei Lidl setzen wir ganz bewusst darauf, den Anteil pflanzenbasierter Proteinquellen im Vergleich zu tierischen Proteinquellen im Sortiment auszubauen. Bis 2030 wollen wir hier bei einem Anteil von 20 Prozent sein. Ein wichtiger Hebel dafür ist unsere vegane Eigenmarke „Vemondo”. Mit den vollwertigen Alternativen sprechen wir nicht nur Veganer, sondern auch ausdrücklich Flexitarier an.

Für ein nachhaltiges Wachstum muss am Ende alles stimmen: Geschmack, Optik, Textur und natürlich auch die Nährwerte. Und wir bieten den Kunden beim Einkauf eine bessere Orientierung und einen leichten Zugang zu den Alternativen: Die jeweiligen Vemondo-Produkte mit der V-Label-Kennzeichnung liegen direkt neben den tierischen Pendants.

• 2025 war der pflanzliche Warenkorb in Deutschland erstmals günstiger als sein tierisches Pendant. War das auch bei Lidl der Fall? Glauben Sie, dass diese Entwicklung so weiter geht? Wenn ja: warum?

Ja, absolut. Das zeigt auch die aktuelle Studie der Ernährungsorganisation ProVeg: Wir schneiden nämlich zum zweiten Mal in Folge mit unserem pflanzlichen Warenkorb günstiger ab als mit dem vergleichbaren tierischen Angebot. Dass eine pflanzlich betonte Ernährung auch generell das Portemonnaie schont, untermauert zudem die jüngste Studie der Klimaorganisation Madre Brava: Ein an der Planetary Health Diet (PHD) orientierter Warenkorb ist deutlich günstiger als der herkömmliche Warenkorb in Deutschland.

Ein nachhaltiger Konsum schafft es nur in die Breite, wenn die
Lebensmittel für alle erschwinglich und einfach zugänglich sind.“

Branchenweit erzielten wir den größten Preisunterschied. Durch die günstigen Preise der pflanzlichen Produkte ist die Resonanz der Kunden durchweg positiv und die Nachfrage nach unseren veganen Alternativen bleibt hoch. Ein nachhaltiger Konsum schafft es nur in die Breite, wenn die Lebensmittel für alle erschwinglich und einfach zugänglich sind.

• Seit August 2022 bietet Lidl in seinen Filialen sogenannte Rettertüten mit Obst und Gemüse für drei Euro an. Über 70.000 Tonnen Obst und Gemüse konnten seitdem gerettet werden (laut Berliner Morgenpost 21. Mai 2026). Gibt es Überlegungen bei Lidl, dieses Erfolgsprogramm auf andere Lebensmittelsegmente auszuweiten?

Die Rettertüte ist ein wichtiger Baustein, um Lebensmittelverluste zu reduzieren. Dazu setzen wir auf ein ganzheitliches Konzept – von bedarfsgerechten Warenbestellungen über die Kundensensibilisierung mittels der Teilnahme an der „Oft länger gut”-Kampagne bis hin zur Abgabe von Lebensmitteln an die Tafel.

Zur Lidl-Lebensmittelrettung gehört auch, dass wir weitere relevante Warengruppen, beispielsweise Backwaren, Molkerei- oder Tiefkühlprodukte, einige Tage vor Erreichen sowie am Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums mit einem 20-Prozent-Rabatt versehen und in grünen Boxen mit der Aufschrift „Rette mich“ anbieten. Darüber hinaus prüfen wir kontinuierlich, wo wir Lebensmittelverluste entlang der Wertschöpfungskette reduzieren können und wie wir das Konzept der Rettertüte kundengerecht weiterentwickeln können.

• Lidl unternimmt einige Anstrengungen bei den Themen Bio und Regionalität – das Angebot an ökologischen Lebensmitteln wird stetig ausgebaut. Auch in Sachen Tierwohl arbeitet der Discounter an einer kontinuierlichen Anhebung der Standards. Sehen Sie Ihren Arbeitgeber da in einer Vorreiterrolle oder könnte das nachhaltigeLidl-Engagement noch intensiver sein?

Wir sind in einigen Bereichen Vorreiter in der Branche, ruhen uns darauf aber nicht aus. Durch die Partnerschaft mit Bioland oder bei der Umstellung unseres Frischfleisch- und Wurstsortiments der Eigenmarke „Metzgerfrisch” auf mindestens Haltungsform 3 haben wir bereits wichtige Schritte gemacht. Gleichzeitig haben wir noch ambitionierte Ziele vor uns – immer mit dem Anspruch, nachhaltige Produkte für alle leicht zugänglich zu machen.

Die Einhaltung der neuen EmpCo-Richtlinie ist für uns eine
Selbstverständlichkeit – wir nutzen sie für unsere Kundenkommunikation.“

• Die neue EmpCo-Richtlinie der EU will Greenwashing bereits ab Ende September 2026 den Garaus machen. Sämtliche Umweltaussagen in Text, Bild oder Siegel-Form stehen dann verstärkt im Fokus der Aufsichtsbehörden. Pauschale Begriffe wie umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“ sind ohne zertifizierte Belege künftig verboten. Ein richtiger Schritt? Oder ein (weiteres) Stück Bürokratie-Irrsinn aus Brüssel?

Uns ist seit jeher wichtig, unser Nachhaltigkeitsengagement messbar und transparent zu machen. Deshalb informieren wir offen über all unsere Maßnahmen und Ziele. In unseren regelmäßigen Veröffentlichungen – beispielsweise unserem Fortschrittsbericht – geben wir einen Überblick, wo wir aktuell stehen und was als Nächstes kommt.

Natürlich wollen wir auch den Kunden unser Engagement leicht verständlich näher bringen. Die Einhaltung der neuen EmpCo-Richtlinie ist für uns dabei eine Selbstverständlichkeit – wir nutzen sie als klaren Orientierungsrahmen für unsere Kundenkommunikation.

„Ein rein pflanzlicher Warenkorb muss wirklich
schon länger kein Verzicht mehr sein.“

• Und abschließend noch ein Blick in die sprichwörtliche Glaskugel: In welchem Jahrzehnt/Jahrhundert/Jahrtausend wird die Menschheit komplett auf tierisches Protein verzichten (können)?

Ob die Menschheit komplett auf tierisches Protein verzichtet, überlasse ich den Zukunftsforschern. Unsere Aufgabe für dieses Jahrzehnt ist aber klar: Wir bauen den Anteil pflanzenbasierter Proteinquellen aus und laden alle Kunden mit den leckeren veganen Produkten unserer Eigenmarke „Vemondo” ein, mehr pflanzliche Proteine in ihre Ernährung einzubauen.

Ein rein pflanzlicher Warenkorb muss wirklich schon länger kein Verzicht mehr sein. Das sieht man heute in unseren Filialen, wo Kunden einen komplett pflanzlichen Warenkorb vom Brotaufstrich über vegane Joghurtalternativen und Desserts bis hin zu Fleischalternativen zusammenstellen können. Dennoch schauen wir kontinuierlich, wo wir unser Sortiment mit neuen pflanzlichen Produkten erweitern können.

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