Das Fleischerhandwerk kann optimistisch in die Zukunft blicken

Frankfurt am Main. Eine deutliche Konsolidierung für dasFleischerhandwerk sieht ZENTRAG-Aufsichtsratschef Michael Boddenberg für daslaufende Jahr. Er ist überzeugt, dass die aktuellen Rahmenbedingungen für einenvorsichtigen Optimismus des Fleischerhandwerks sprechen. Im nachfolgendenInterview erläutert der gelernte Fleischermeister aktuelle Aktivitäten derZentralgenossenschaft für ihre Mitglieder sowie die Perspektiven für das Fleischerhandwerk.

 

Herr Boddenberg, Sie sind seit Juni 2009Aufsichtsratsvorsitzender der ZENTRAG. Was sind Ihre erklärten Ziele in diesemAmt?

Gemeinsam mit meinen Kollegen im Aufsichtsrat möchte ich dasUnternehmen ZENTRAG weiterhin voran bringen und durch eine weitere Bündelungder Kräfte innerhalb des Genossenschaftswesens neue Wachstumsimpulse setzen.Die ZENTRAG und ihre Mitglieder, aber auch Kunden aus dem Fleischerhandwerk vorOrt müssen erkennen, dass nur ein‚ starkes gemeinsames Dach’ die notwendigeZukunftssicherung gewährleisten kann.

 

Sie sind Hessischer Staatsminister für Bundesangelegenheitensowie Bevollmächtigter des Landes Hessen beim Bund. Wie vereinbaren Sie diese Tätigkeitmit dem Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der ZENTRAG?

Beide Funktionen ergänzen sich: Zum einen bin ich alsAufsichtsratsvorsitzender der ZENTRAG mitverantwortlich für ein großesWirtschaftsunternehmen und erlebe somit die Auswirkungen politischer Beschlüsseder Bundespolitik am eigenen praktischen Beispiel. Zum anderen denke ich, dassdie ZENTRAG und das Handwerk durchaus von meinen politischen Erfahrungenprofitieren können. Als Mitglied der hessischen Landesregierung und desBundesrates erlange ich viele Einblicke in andere Wirtschaftsbereiche und derenStrukturwandel.

 

Als ausgebildeter Metzgermeister sowie ehemaliger Leitereiner privaten Fachschule, die Fleischer auf die Meisterprüfung vorbereitet,gibt es sicherlich einige Ratschläge, die Sie dem Fleischerhandwerk geben können.Wie sehen diese konkret für die kommenden Jahre aus?

Am wichtigsten für den selbständigen Fleischermeister ist essicherlich, sein eigenes klares Profil zu entwickeln. Zentraler Bestandteildieses Profils ist auch zukünftig die Persönlichkeit des Unternehmers und dasdamit verbundene Vertrauensverhältnis zu seinen Kunden. Wichtig ist es zudem,mit einer modernen Sortiments- und Angebotsbreite bei den Kunden zu punkten.Insbesondere individueller Service und die aufgrund kurzer Entscheidungswege möglicheFlexibilität sind deutliche Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Anbietern. Allerdings will ich auch eine Sorge zum Ausdruck bringen:viele Handwerksunternehmen, in denen kein Familienmitglied als potenziellerNachfolger zur Verfügung steht, denken zu spät über dann notwendige ‚externe’Nachfolgeregelungen nach. Hier sehe ich für den Verband, die Innungen, aberauch die ZENTRAG eine wichtige Aufgabe

 

Welche Instrumente nutzt die ZENTRAG zur Stärkung ihrerMitgliedsgenossenschaften?

Einer unserer großen Vorteile ist die Einkaufsbündelung unddie damit verbundene Preisattraktivität und Zuverlässigkeit. Wir bieten unserenMitgliedern zudem Materialien zu verkaufsfördernden Maßnahmen an und unterstützenbei der Durchführung eigener Marketing- Aktivitäten. Die ZENTRAG verfügt überein ausgesprochen innovatives und vielfältiges Produktsortiment. Die MarkeGILDE ist als eine der ältesten Handelsmarken Deutschlands ein ‚starkes Pfund’und wird übrigens gerade einem Relaunch unterzogen. Wir gestalten mit unserenMitgliedsgenossenschaften gemeinsame Messeauftritte und bieten ihnen zudemBeratungsleistungen sowie Schulungsmaßnahmen in der GILDE Akademie an.

 

Wo sehen Sie politischen Handlungsbedarf, wenn es um dieBelange des Fleischerhandwerks geht?

Das Fleischerhandwerk musste sich in den letzten Jahren invielen Bereichen den Herausforderungen einer fortschreitenden Harmonisierungdes EU-Binnenmarktes stellen. Es ist an der Zeit, dass die Politik erkennt,dass weitere rechtliche Vorgaben für das Handwerk insgesamt, aber auch für dasFleischerhandwerk zu bürokratischen Belastungen führt, diebetriebswirtschaftlich kaum zu bewältigen sind. Um es auf den Punkt zu bringen: vielleicht sollte sich diePolitik vornehmen, den Unternehmen des Handwerks einfach weniger im Wege zustehen.  

 

 

2009 war das Jahr der Rezession. Was bringt das laufendeJahr dem Fleischerhandwerk?

Wenn wir es schaffen, die bisher durchaus positiveGrundstimmung in unserem Land durch klare politische Beschlüsse aufrecht zuerhalten, dann nutzt ein stabiler Konsum natürlich auch dem Fleischerhandwerk. Ich bin sicher,dass 2010 das Jahr der Stabilisierung werden wird, von dem die ZENTRAG  einleichtes Umsatzplus erwartet. Die Fachmesse IFFA im Mai wird hierzu einenordentlichen Schub – vor allem auch bei den Ausstellern – geben und neueImpulse für die Fachgeschäfte setzen..

 

 

Was sind die Vorteile eines Fleischers im Gegensatz zumLebensmittelhändler mit seiner Fleischtheke oder dem Kühlregal?

Der selbständige Meister besitzt das Vertrauen seinerKunden, das diese in einem handwerklichen Betrieb suchen und auch finden. Ineiner Welt, die an vielen Stellen eher anonymer und da und dort auch ein wenigunmenschlicher wird, ist das eigentümergeführte Unternehmen mit der Persönlichkeitdes selbständigen Meisters, seiner Familie und seinen Mitarbeitern sicherlichnicht nur aufgrund der Qualität seiner Produkte eine gesuchte Anlaufstelle fürdie Kunden.

 

Wie sehen und beurteilen Sie die Entwicklung im Fleischerhandwerk,neben Wurst- und Fleischwaren vermehrt auch Produkte aus den SortimentenFeinkost, Käse und Getränke anzubieten?

Der Kunde erwartet auch im Fleischerfachgeschäft ein breiteresSortiment als lediglich seinen täglichen Bedarf an Fleisch- und Wurstwaren.Produkte aus den Sortimenten Feinkost, Käse und Getränke gehören mittlerweilewie selbstverständlich dazu. Eine gewisse ‚Bequemlichkeit’ des Kunden solltenwir mit Freude nutzen und ihm den Einkauf in weiteren Lebensmittelgeschäftenersparen.

 

Wie sollte ein Fleischerfachgeschäft Ihrer Meinung nachseine Kunden am sinnvollsten binden?

Durch immer die gleich bleibende Qualität der angebotenenWaren, absolute Zuverlässigkeit, aber auch durch Innovationen und spannendeneue Produkte und Dienstleistungen. Nichts ist schlimmer als Langeweile.

 

Zurück zur ZENTRAG und ihren Aufgaben: Die regionaleVersorgung der Fleischer-Fachgeschäfte ist ein erklärtes Ziel der ZENTRAG. Wiewird das realisiert?

Wir sind eine flächendeckende Organisation mit einembreiten, gleichzeitig aber auch regional ausgerichteten Sortiment. So verfügenwir über eine hohe Flexibilität auch bei Fragen der Sortimentspolitik vor Ort.Insgesamt verfügen wir über ein Netzwerk von rund 200 Außendienstmitarbeiternder Wirtschaftsorganisationen vor Ort und sind mit rund 500 Lieferfahrzeugenauch logistisch sehr gut ausgerüstet.

 

Die ZENTRAG möchte mit der GILDE foodservice ihren Bereichzur Belieferung von Großverbrauchern deutlich ausbauen? Was macht die ZENTRAGdabei als Partner attraktiv?

Wir bieten eine nationale Abdeckung, verfügen über eine hoheSortimentskompetenz im Bereich Fleisch und blicken auf eine 60jährige Erfahrungim Lebensmittelhandwerk zurück. Das wissen auch Großverbraucher zu schätzen.

 

Veränderte Marktbedingungen verlangen neue strategischeAusrichtungen, wie sehen hier die Anforderungen an die ZENTRAG aus?

Wir müssen unseren Mitgliedern durch unsere Arbeit zusätzlicheSynergieeffekte bieten. Sei es in der Einkaufsbündelung oder auch inadministrativer Hinsicht. Ziel ist zukünftig ein noch größeresDienstleistungsangebot an die Mitglieder, damit diese sich mit ganzer Kraft ihrem operativen Geschäft widmen können.Eine enge Bindung zwischen der ZENTRAG und ihren Mitgliedern ist dabei genausounerlässlich wie ein hohes Maß an Vertrauen. Nicht zuletzt verfolgen wiraber auch ein Wachstum durch eigene sinnvolle Akquisitionen.

 

 

Wie definieren Sie die Zusammenarbeit mit dem DeutschenFleischerverband DFV?

Unsere Zusammenarbeit ist naturgemäß sehr eng, da unsereMitglieder in den Gremien und Vorständen häufig personalidentisch sind. Auchich selbst bin übrigens weiterhin Mitglied im Vorstand der FleischerinnungFrankfurt am Main.

 

Herr Boddenberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

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