Darf Fleisch zum Luxusgut werden?

Darf Fleisch zum Luxusgut werden? Diese Frage stand am Mittwochabend im Mittelpunkt des Zukunftsdialogs der deutschen Geflügelwirtschaft in Berlin. Rund einhundert Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und NGOs diskutierten über die Folgen, die ein „Luxusgut“ Fleisch hätte, und stellten fest: Unsere Gesellschaft unterliegt einem Zielkonflikt. Einerseits möchten wir, dass hochwertige Lebensmittel für Jeden bezahlbar sind, andererseits fühlen sich immer mehr Menschen einer in Hinblick auf Tier- und Umweltschutz nachhaltigen Lebensweise verpflichtet – die jedoch höhere Preise erfordert. Ob Fleisch als Luxusgut der richtige Weg für die Zukunft ist? Hierzu wurden beim Zukunftsdialog höchst unterschiedliche Ansichten und Positionen vertreten. Auf dem Podium diskutierten der Publizist Dr. Hugo Müller-Vogg, Autorin Dr. Tanja Busse und die Gründerin der Berliner Tafel, Sabine Werth – unter reger Beteiligung des Publikums.

Kontroverse Fragen

Mit dem Zukunftsdialog, der nach 2013 nun zum zweiten Mal stattfand, möchte die deutsche Geflügelwirtschaft gesellschaftlichen Fragestellungen rund um den Fleischkonsum ein Forum bieten und diese offen diskutieren – ein Anliegen, das bei der Veranstaltung in Berlin einhellig gelobt wurde. Tatsächlich sieht es die Branche schon lange als ihr Selbstverständnis an, auf kritische Stimmen aktiv einzugehen und einen gemeinsamen Dialog anzuregen, wie Bernd Kalvelage, Vizepräsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), in seiner Begrüßung betonte: „Wir möchten neue Wege gehen, Fragen kontrovers diskutieren und unserer Verantwortung gerecht werden. Dafür haben wir den Zukunftsdialog ins Leben gerufen.“

 

„Die Zukunft passiert um uns herum, im Hier und Jetzt“ – mit diesen Worten läutete die Food-Trendforscherin Hanni Rützler den Abend ein. Ihr Impulsvortag trug den Titel „Zukunft braucht Herkunft“ und spannte den Bogen von der historischen Entwicklung des Fleischkonsums zu den möglichen Alternativen der Zukunft, wie etwa in-vitro Fleisch. „Nicht das Fleisch wird zum Luxusgut, sondern täglich Fleisch zu essen“, betonte Hanni Rützler und beschrieb den „Flexitarier“ als neuen Prototyp für das Ernährungsverhalten unserer Gesellschaft.

Die anschließende Podiumsdiskussion ließ kaum einen Aspekt unbeachtet: beginnend bei Regulierungsfragen, über Tier- und Umweltschutz bis hin zu sozialer Verantwortung. So sprach sich Dr. Hugo Müller-Vogg dafür aus, dass der Verbraucher seine Macht auf jeden Fall behalten müsse. Er argumentierte entschieden gegen eine Regulierung des Fleischkonsums durch die Politik. „Wenn wir die Preise erhöhen, könnten sich Menschen mit niedrigerem Einkommen das Fleisch nicht mehr leisten“, so Müller-Vogg, „dies birgt auch eine soziale Problematik“.

Von dieser Problematik konnte besonders Sabine Werth aus ihrer Erfahrung bei der Berliner Tafel berichten. Sie stellte fest, dass die Gesellschaft das Gefühl vermittele, dass sich Zugehörigkeit über den Fleischkonsum definiere. „Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist – wir brauchen ein verändertes Bewusstsein gegenüber unserer Ernährung.” Teile der Gesellschaft vom Fleisch-konsum einfach auszuschließen, sei dagegen nicht der richtige Weg.

„Landwirte sollen darauf stolz sein können, was sie leisten.“

Doch geht die Erzeugung von günstigem Fleisch nicht auf Kosten des Tierwohls? Rainer Wendt, Geflügelhalter und Vizepräsident des Zentralverbands der Deut-schen Geflügelwirtschaft, konnte aus dem Publikum Gegenteiliges berichten. Er sehe jeden Tag in seinen Ställen, dass die konventionelle Geflügelhaltung tierge-recht sei. Die Fortschritte der Branche seien gerade im Bereich Tierwohl beachtenswert.

Dr. Tanja Busse hingegen kritisierte die externen Kosten, die durch eine konzentrierte Intensivtierhaltung und den Import von Futtermitteln für die Allgemeinheit entstehen. Sie hält es jedoch für sehr lobenswert, wenn Mäster ihre Ställe für interessierte Verbraucher und Kritiker öffnen. Sie wünscht sich, dass die Bauern wieder stolz auf ihre Arbeit sein können. Dabei sprach sie sich insbesondere für eine bäuerliche Landwirtschaft aus, die durch neue Modelle, zum Beispiel Kooperationen mit Mensen von Schulen und Kindergärten, neue Absatzmärkte und Akzeptanz gewinnen könnte. Wie nun die „bäuerliche“ Landwirtschaft definiert sei und wo die Grenze zur vermeintlich industriellen Landwirtschaft gezogen werden müsse, wurde durch Wortmeldungen im Publikum diskutiert. Der Dialog spielte sich bewusst nicht nur auf dem Podium ab, sondern bezog zu großen Teilen das Publikum in die Diskussion mit ein.

Wichtige Impulse für die Auseinandersetzung mit dem Fleischkonsum in unserer Gesellschaft

Der Zukunftsdialog der deutschen Geflügelwirtschaft zeigte, dass die Vielschichtigkeit der Frage, ob Fleisch zum Luxusgut werden darf, keine eindeutige Antwort zulässt. Die starke Beteiligung an der Diskussion im Saal verdeutlichte gleichwohl die besondere Bedeutung des Themas.

Auch das hielt Bernd Kalvelage am Ende des Abends fest und formulierte zum Abschluss das gemeinsame Fazit: „Wenn Verbraucher an der Theke stehen und einkaufen, wollen sie ein gutes Gefühl dabei haben. Und dafür sollten die Menschen, der Staat und die Wirtschaft gemeinsam Sorge tragen.“

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