Wie die Edwin Grasmehr GmbH aus dem hessischen Westerwald ihren Generationenwechsel meisterte – mit einem Käufer, der sich selbst nicht als klassischer Investor versteht.
Mit 63 Jahren beginnt man, über die Zukunft nachzudenken. Bei Klaus Grasmehr und seinem Bruder Werner Grasmehr war es nicht nur die eigene Zukunft, sondern die eines ganzen Familienunternehmens. „Mein Bruder und ich haben unser Unternehmen gelebt. Es war der Mittelpunkt unseres Lebens, das unserer Eltern und Kinder“, erinnert sich Klaus Grasmehr. Die Landmetzgerei stellt seit drei Generationen Wurst- und Fleischspezialitäten nach überlieferten Familienrezepten her. Um die Kultur des Familienunternehmens für die vierte Generation, die Mitarbeiter und die Kunden zu erhalten, begannen die Brüder, über einen Nachfolger nachzudenken – einen, der sowohl den operativen Betrieb als auch die Immobilien übernehmen würde.
Mensch statt Konzern

Mehrere Interessenten sprachen vor, bevor sich abzeichnete, wer der richtige Partner sein würde: NutriUnited und dessen Gründer Josef Brunner. „Überrascht hat es uns, keinen klassischen Finanzinvestor, sondern den Menschen Josef Brunner kennenzulernen“, sagt Klaus Grasmehr. Josef Brunner, der zuvor mit relayr und JouleX zwei Technologiefirmen aufgebaut und verkauft hatte, kennt den Verlust eines Familienbetriebs aus eigener Erfahrung: Sein Vater musste als Bäcker gegen große Ketten aufgeben. „Eine Marke, die eine Familie über Generationen aufgebaut hat, gehört nicht in eine anonyme Holding-Schublade – sie gehört in die Hände der Menschen, die sie verstehen“, betont er. Bei den Grasmehrs habe er von Anfang an gespürt, „dass hier jemand nicht verkaufen, sondern seinem Lebenswerk eine Zukunft geben wollte“.
Begleitet wurde der Verkaufsprozess von M&A-, Steuer- und Rechtsberatern, verlief nach Einschätzung der Familie aber alles andere als kühl und distanziert. „Wir hatten nie das Gefühl, von einem Finanzinvestor geschluckt zu werden. Vielmehr sehen wir uns als wichtiges Erst-Mitglied der wachsenden NutriUnited Gruppe“, sagt Klaus Grasmehr. Die Mitarbeiter wurden erst nach Abschluss der Transaktion informiert, um keine Verunsicherung aufkommen zu lassen. Josef Brunner selbst stellte sich anschließend persönlich auf einer Mitarbeiterversammlung vor – „bodenständig und vertrauensgebend“, wie es Klaus Grasmehr beschreibt.
Eigenständig mit neuem Netzwerk

Rund zwei Jahre nach dem Einstieg von NutriUnited hat sich für die Belegschaft im Alltag wenig verändert – die Familie ist weiterhin erste Ansprechpartnerin. Für die vierte Generation, Nina Grasmehr-Lorger, die nun zusammen mit Ihrem Vater Werner Grasmehr Teil der Geschäftsführung ist, war genau das entscheidend: „Unsere Firmenkultur ist grundlegend von den Werten der Familie geprägt. Uns war es wichtig, dass wir sie beibehalten und den Mitarbeitern dadurch weiterhin Sicherheit bieten können.“ Produktentwicklung, Fleischbeschaffung aus der Region, Kundenkontakt und Teamführung liegen weiterhin in der Verantwortung der Familie – ebenso der eigenständige Markenauftritt von Grasmehr. Zugleich profitiert der Betrieb von strategischer und operativer Unterstützung, Fachaustausch innerhalb der Gruppe und einem Netzwerk aus Sparringspartnern. Mit finanzieller Unterstützung wurde bereits eine neue Lagerhalle gebaut, weitere Investitionen in Digitalisierung und Prozesse sollen folgen.
Verbund lokaler Champions
Genau das ist Josef Brunners Anspruch an die Gruppe: „Wir bauen keinen Konzern, sondern einen Verbund aus lokalen Champions, die voneinander lernen und gemeinsam stärker werden, ohne ihr Gesicht zu verlieren.“ Für die Geschäftsführung bedeutet die neue Struktur vor allem mehr und regelmäßigeres Berichten. „Diese Umstellung war die wesentlichste Veränderung für die Geschäftsführung“, sagt Klaus Grasmehr: „Aber daraus ergab sich auch die Erkenntnis, dass sich durch die intensive Beschäftigung mit Plan-Ist-Zahlen zusätzliches Potenzial heben lässt.“
Unternehmerisch eingeschränkt fühlt sich Nina Grasmehr-Lorger nicht: „Wir können weiterhin selbst entscheiden, wie wir unseren Betrieb führen. Gleichzeitig haben wir einen starken Partner, der uns professionell unterstützt, wenn wir es brauchen.“ Klaus Grasmehr engagiert sich inzwischen selbst aktiv bei der Besichtigung neuer Unternehmen, die dem Verbund NutriUnited beitreten könnten: „Ich möchte interessierten Familienunternehmen von unseren Erfahrungen berichten und Vertrauen zu diesem großen und persönlichen Veränderungsschritt geben.“ Sein Rat an Unternehmer, die über einen Verkauf nachdenken: Vertrauen in das Geschäftsmodell des Käufers sei am Ende wichtiger als jede Kennzahl. red