Unterdessen wurden in Niedersachsen erste verdorbene Fleisch-Lieferungen nachgewiesen. Nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover handelt es sich um 90 t Geflügel-, Schweine-, Rind- und Pferdefleisch. Es hatte im Kühlhaus zweier Firmen aus Nordrhein- Westfalen und Baden-Württemberg gelagert. Die Ware war durch unklare Auszeichnungen sowie wegen fehlender Haltbarkeitsdaten aufgefallen. Tests des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg hatten ergeben, dass 11 von 16 Proben ranzig, überlagert oder verdorben und damit “eindeutig genussuntauglich” waren. Das Fleisch stamme ursprünglich aus Deutschland, Brasilien, Dänemark, Spanien und Italien.
Ende vergangener Woche hatten die Behörden in einem Großbetrieb in Gelsenkirchen 60 t möglicherweise verdorbenes Fleisch sichergestellt. Die Untersuchung des beschlagnahmten Fleisches dauere an, teilte die Essener Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Auch in Hamburg, wo am Vortag elf Tonnen möglicherweise verdorbenes Fleisch sichergestellt worden waren, wird die Ware auf Bakterien und Keime untersucht. Der erste Augenschein habe jedoch keine Anhaltspunkte erbracht, dass das Fleisch verdorben sei, sagte ein Hamburger Behörden-Sprecher am Dienstag.
Der Gelsenkirchener Großhändler ist weiter auf freiem Fuß. Der 39-Jährige steht im Verdacht, in großem Stil zu lange gelagertes Fleisch als Frischfleisch umetikettiert und weiterverkauft zu haben. Die Ware war durch Farb- und Geruchsveränderungen sowie Gefrierbrand aufgefallen. Seit wann der Händler diese Art von Geschäften betrieb und wie viel Fleisch er verkauft hat, konnten die Ermittler am Dienstag noch nicht sagen. Das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium und die Stadt Gelsenkirchen betonten, das seit dem 27. Oktober keine Ware des Fleischhändlers an die Verbraucher gelangt sei.
Der Deutsche Bauernverband hat unterdessen Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. In Deutschland hätten sich Händler darauf spezialisiert, Fleisch kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums aufzukaufen, sagte Richard Bröcker, Referatsleiter für Vieh und Fleisch beim Deutschen Bauernverband, dem Bielefelder «Westfalenblatt». Diese Fleischgroßhändler seien von den Behörden bislang kaum kontrolliert worden, sagte Bröcker.
Die jüngsten Fleischskandale sind nach den Erkenntnissen der Verbraucherorganisation «Foodwatch» nur die Spitze eines Eisberges. «Betrügereien im Fleischgeschäft sind an der Tagesordnung», sagte «Foodwatch»-Sprecher Matthias Wolfschmidt in einem Interview der in Berlin erscheinenden Verbraucherzeitschrift «Guter Rat». In der Regel würden die Schwindeleien mit verdorbenem Fleisch von den Behörden allerdings geheim gehalten. «Der Bürger erfährt so gut wie nichts davon», betont Wolfschmidt.