Im September bildete sich Moritz Becker aus der Fleischerei H. Becker in Schwalmstadt-Treysa im BTZ Weiterstadt zum Fleischsommelier weiter. Er bezeichnet sich als universell einsetzbar – auch in der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks.

Nach seinem Abitur in der Corona-Pandemie 2020 noch unschlüssig, welchen beruflichen Weg er einschlagen wollte, entschied sich der 24-Jährige 2021 doch dazu eine Fleischerlehre im eigenen Betrieb zu beginnen. „Es war ja viel mehr zu tun als in der Zeit zuvor und ich habe in dieser Zeit doch die Liebe zu meinem jetzigen Beruf gefunden“, berichtet er mir beim Besuch in der Zwillingsstadt im Schwalm-Eder-Kreis, zu der noch die Stadt Ziegenhain gehört. Die Ausbildung schloss er 2023 erfolgreich ab, wurde unter 14 Auszubildenden an der Berufsschule Melsungen Innungsbester und nahm am Landeswettbewerb des Fleischerverband Hessen teil. Obwohl er dort nicht Erster wurde, erkannten zwei Prüfer sein Talent und schlugen ihn als Vertreter Hessens für das Casting der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks im November 2023 in Hannover vor.
Seit Anfang 2024 gehört er zu dem Team. „Es macht großen Spaß dabei zu sein und anderen Menschen auf Messen oder anderen Anlässen zu zeigen, wie vielseitig die Berufe im Fleischerhandwerk sind“, betont er. Mitte Oktober war er drei Tage beim 135. Fleischerverbandstag in Nürnberg im Einsatz: Insgesamt war er bei zwölf Terminen dabei.
Seinen ersten Einsatz im roten Nationaldress hat er gut in Erinnerung. „Am ‘Tag des Handwerks’ in Mainz 2024, wo sich auf dem Marktplatz alle Zünfte in einem Stand präsentiert haben“, berichtet er. „Es liegt mir Menschen im persönlichen Gespräch darüber zu informieren, was unsere Spezialitäten und unseren Beruf ausmacht und wie vielseitig unser Handwerk ist“, ergänzt er. Weitere Höhepunkte 2025 waren das 150-jöhrige Jubiläum des Deutschen Fleischer-Verband, das pkm-Sommerfest und der Plausch mit Bundeskanzler Friedrich Merz sowie das international besetzte Training auf der IFFA. Zudem nahm er im März an einer viertägigen Reise inklusive zwei Tagen Messe in Bangkok teil, auf der er als einer mehrerer Prüfer 350 asiatische Wurstspezialitäten nach deutschen Standards testen und bewerten durfte. „Ein lehrreicher, außergewöhnlicher und toller Austausch“, berichtet er mit glänzenden Augen .
Ahle Wurst & mehr
Eine typische Arbeitswoche gibt es bei ihm nicht. Meistens arbeitet er in der Zerlegung und Produktion im Stammhaus, aber auch mal im Büro oder in einer der Verkaufsstellen: der Filiale in der Stadt oder der eigenen Metzgertheke im Rewe-Markt in der Schwalm-Galerie. Beide sind etwa sieben Autominuten vom Stammhaus entfernt. Zudem beliefert die Metzgerei Wiederverkäufer wie andere Rewe-Märkte, einige Gastronomen und ist auf ausgewählten Märkten und Events präsent, z.B. dem „Wecke- und Worschtmarkt“ in Borken. Rund 50 Beschäftigte zählt die Metzgerei. Gegründet wurde sie von Moritz’ Ur-Opa Heinrich Becker 1949. Es folgten sein Opa Werner Becker und Vater Jörn Becker. Er wäre die vierte Generation.

Es geht über eine Treppe nach oben. Im Dachgeschoss des Stammhauses aus dem 16. Jahrhundert hängen sie: unzählige Stracke, Runde und Feldgieker der nordhessischen Ahle Wurst reifen hier bis zu sieben Monate. Schlachtwarm hergestellt stellt die Fleischerei 80 % geräucherte und 20 % luftgetrocknete Ahle Wurst – rote Wurst wie sie Moritz Becker nennt – her. Bei 17°C und 75 % Luftfeuchtigkeit. „Je nördlicher in Hessen, desto mehr Luftgetrocknete gibt es“, erklärt er. Weitere beliebte Spezialitäten sind Kartoffelwurst mit 20 % Kartoffelanteil in verschiedenen Varianten, Bratwürste, Hausmacher Wurst sowie eine reichhaltige Auswahl an Convenience- und Fertiggerichten in Beuteln, Take-away-Trays oder Gläsern. Auch die Mittagsgerichte für die Stadtfiliale finden großen Absatz. Das Schweinefleisch kommt vom Schlachthof und Fachhandel Helwig aus Ziegenhain von Bauern aus 50 km Umkreis. Der Landkreis zählt die meisten Schweinemäster in Hessen. Rinderviertel bzw. Teilstücke kaufen sie zu.
Wissen weitergeben
Im Alltag gibt Moritz Becker sein Wissen gerne an aktuell vier Fleischer-Azubis weiter. Einer kam mit Deutschkenntnissen aus Marokko, ein weiterer auf Vermittlung der Diakonie aus dem Iran. Für ihr Engagement ehrte die Gilde-Stiftung die Familie Becker 2025 mit dem Preis „Fit für Azubis“. „Auch Schulpraktikanten haben wir immer wieder und im neunten Jahr drei Wochen zwei Mitarbeiter aus Tschechien, die ihr Auslandspraktikum bei uns absolvieren, da die Lehre dort nur schulisch erfolgt“, berichtet er. Zudem hat er Anfragen sich im Vorstand des Fleischerverband Hessen und der Innung zu engagieren. 2024 war er als erster Fachmann Mitglied des hessischen Berufsbildungsausschusses und konzipierte die Abschlussprüfung der Fleischer mit, was bisher nur Berufsschullehrern vorbehalten war. „Mittelfristig noch der Meistertitel, das hat aber noch ein paar Jahre Zeit“, resümiert er. Marco Theimer