Röntgen-Computertomographie in Kulmbach


Das Gerät, dessen Ankauf und bauliche Installation immerhin mit fast 500.000 Euro zu Buche schlägt, soll dazu dienen, ganze Schweineschlachtkörper zu durchleuchten und so in einem einfachen und schnellen Arbeitsgang alles über deren Zusammensetzung zu erfahren. Aus Serien digital aufgezeichneter Röntgenbilder lässt sich ohne weiteres der Schlachtkörper in seinem Fleisch-, Fett- und Knochenanteil rekonstruieren. Mit diesem Wissen sollen künftig Klassifizierungsgeräte „angeleitet" werden, ihrerseits den zu erwartenden Fleischinhalt von Schlachtschweinen statistisch sicher und so frühzeitig vorherzusagen, dass die Mäster nach diesen Informationen bezahlt werden können.
Nach guter wissenschaftlicher Art wurde die Einweihung des Großgerätes mit einem Kolloquium begangen, in dem vier Vorträge auf die Forschungsarbeit mit dem Computer-Tomographen hinführten.

Eine geschichtliche Einleitung
Einleitend erläuterte Dr. Wolfgang Branscheid, Leiter des Instituts für Fleischerzeugung und Vermarktung der BFEL, die lange Historie der Handelsklasseneinstufung von Schweineschlachtkörpern, die mit der Röntgen-Technik ihren vorerst letzten Kulminationspunkt findet. Videobildauswertung, mechanisch geführte Messschablonen, Messungen der Lichtreflexion, Leitfähigkeitsmessungen der Gewebe und die verschiedenen Methoden des Ultraschall-Scanning kamen in der Vergangenheit zum Einsatz und sind teilweise bis heute in der Anwendung.
Ebenfalls zur Historie sprach Dr. Ulrich Baulein vom Institut für Tierzucht der FAL in Mariensee. Er beleuchtete die Entwicklung der Computer-Tomographie in der Züchtungsarbeit. Der entscheidende Vorteil bei tomographischen Untersuchungen ist, dass wertvolle Zuchttiere lebend auf ihre Muskelentwicklung hin untersucht werden können.

Nur der Anfang
Dipl. Physiker Andreas Dobrowolski, BFEL Kulmbach, widmete sich in seiner Präsentation der methodischen Frage, wie man im Röntgen-Computertomographen das Muskelgewebe nicht nur sichtbar machen, sondern auch in Maß und Zahl umsetzen kann. Natürlich kann man Serien von Röntgen-Bildern direkt als Bilder auswerten: Man misst dann Muskel- oder Fettflächen die sich zu Volumina der Gewebsanteile und letztlich zu Gewichten umrechnen lassen würden. "Das wäre ein sehr umständliches Verfahren", meinte Andreas Dobrowolski. Er stellte in jüngsten Untersuchungen fest, dass die Schwarz-Weiß-Bilder der Röntgenaufnahmen, die sich ja in unterschiedliche Grade der Bildschwärzung aufteilen lassen, zu besserem eignen: Fleisch und Fett werden in jeweils markant getrennten Graubereichen dargestellt. "Wir zählen daher jetzt nur noch die Bildpunkte dieser Graubereiche über den gesamten Schlachtkörper hinweg und haben schon das gewünschte Ergebnis", so der Physiker. Nicht zu vergessen, dass diese Zählarbeit digital abgewickelt wird. Die Genauigkeit der Bestimmung des Muskelfleischanteils ist nun exakt so hoch, als ob man die Schlachtkörper mühsam von Hand in die Gewebekomponenten zerlegen würde. Interessant ist der Zeitunterschied: Mit Hilfe des Tomographen hat man den Muskelfleischanteil innerhalb von 15 Minuten, der Metzger dagegen braucht mindestens 8 Stunden. Das erhöht von nun an die Schlagkraft des deutschen Referenzinstituts für die Fleischklassifizierung.
Wenn auch Grundmotiv für die Anschaffung des Gerätes die Festlegung auf eine neue Referenz für die Bestimmung der Handelsklassen beim Schwein ist, so wird seine Anwendung weitere Bereiche der Lebensmittelforschung einbeziehen. "Als Wissenschaftler suchen wir immer den Blick in die Tiefe", begründete Dr. Michael Judas. Mit dem Tomographen gelingt dieser Blick mit großer Schnelligkeit und ohne das Produkt zu zerstören. Daher liegen jetzt so aktuelle Themen nahe wie die Fremdkörperbestimmung in Fleischwaren, die Prozessverfolgung beim Salzen und Pökeln der Produkte, die vertiefte Darstellung von Erhitzungs- und Kühlungsprozessen und vielleicht sogar die Auffindung von Fleischfehlern.
Die Vorträge wurde ergänzt durch eine Podiumsdiskussion.

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