Seit gut zwei Jahren führt Maximilian Kästel mit seinen Eltern Fritz und Gabriele Kästel die Metzgerei & Partyservice Kohl-Kramer in Borken-Trockenerfurth. Ende Juni feierten sie mit Kunden, Partnern und ihrem Team das 100-jährige Bestehen des Betriebes. Bei der Preisverleihung des „Metzger Cup“ in Neusäß“ am 1. März berichteten mir Fritz (59) und Gabriele Kästel (58) davon. Ende Mai traf ich sie und ihrem Sohn in Nordhessen. Unser Gespräch war freundlich und informativ, die Betriebsbesichtigung eindrucksvoll.
Die Geschichte der Metzgerei begann 1926 auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo Heinrich Kohl und seine Frau Katharina, geb. Kramer, sie gründeten. „Morgens war er Metzger, ab mittags Bürgermeister“, berichtet Gabriele Kästel. Der Ort verdanke ihm viel. Da ihr Sohn aus dem II. Weltkrieg nicht zurückkam, übernahm 1960 Gabriele Kästels Vater Heinz Kramer, Patenkind vom Ehepaar Kohl aus dem Nachbarort Nassenerfurth, den Betrieb. Er heiratete Marie Luise Staab, ein Sohn folgte. 1970 adoptierten die Kohls die ganze Familie Kramer. So kam der Doppelname zustande.
Eine glückliche Fügung

Nach einer Krankheit des Vaters übernahm Gabriele Kohl-Kramer, Fleischerin und eine der ersten Meisterinnen in Hessen, 1992 den Betrieb. „Es war mein Ziel ihn eigenständig zu führen. Ich hatte Spaß am Beruf, war bei Plattenwettbewerben erfolgreich und engagierte mich in der Innung“; blickt sie zurück. Über den Freundeskreis des Juniorenverbandes des Fleischerhandwerks in der Gründungszeit, lernte sie Fritz Kästel, Fleischermeister und Betriebswirt des Handwerks, aus Edenkoben in Rheinland-Pfalz kennen. „Seit 1994 bin ich hier. Tochter Christine kam zur Welt. Ich wurde Vorsitzender des Prüfungsausschusses und 2017 Obermeister der Innung Schwalm-Eder“, berichtet er. Nach seiner Frau 2017 machte auch er die Weiterbildung zum Fleischsommelier sowie Wurst- und Schinkensommelier an der Fleischerschule Augsburg. Maximilian Kästel (26) lernte nach der Realschule Fleischer im elterlichen Betrieb (2016-2019) und sammelte einige Wochen Erfahrungen in befreundeten Metzgereien. Der Meistertitel an der Fachschule Heyne folgte 2021, 2025 der Wurst- und Schinkensommelier an der Fleischerschule Augsburg.
Ahle Wurst und mehr

Kurz vor dem Tod des Seniors, führte die Familie 2016 die Traditionsmarke „Die Wurstmacher“ ein, die für ihre Kernkompetenz und Region steht und Handwerk, Leidenschaft und Tradition aller Produkte sichtbar macht. Nicht nur das Steckenpferd, die Ahle Wurst, sondern viele andere Spezialitäten tragen sie. Das Logo zeigt drei Generationen: Heinz Kohl-Kramer, Fritz und Maximilian Kästel. „Wurst zu machen ist unsere Passion“, sagt Fritz Kästel und zeigt mir im Kühlhaus einen festen Schweinelachs. „Das Fleisch muss richtig ausgewachsen sein“, betont sein Sohn.
Alles beginnt mit den Schweinen, die von zwei Bauern aus dem Ort – einem gegenüber – und einem aus der Gemeinde Borken stammen. „Am Tag vor der Schlachtung übernachten sie im Stall, der ans Schlachthaus grenzt“, berichtet Gabriele Kästel. Kürzer können die Wege kaum sein. Das achtköpfige Team der Produktion – darunter zwei Auszubildende – schlachtet zweimal pro Woche je 16 Schweine und verarbeitet das Fleisch sowie das eines halben Ríndes – meist Kreuzungen von Angus oder Charolais.
Handwerkskunst wird weitergeben
Die Warmfleischverarbeitung ist das Besondere der Ahlen Wurst (seit 2023 mit EU-Gütesiegel g,g.A.). Die Produktvielfalt entsteht durch die Reifung bis zu einem halben Jahr und verschiedene Formen. „Aus einem Wurstbrät entstehen allerhand Sorten“, so Maximilian Kästel. „Feldkieker, ‘Kästels Beste’, ‘Wurstmacher’- Stracke oder dürre Runde – weich, mittel oder fest. Zwei Drittel geräuchert, ein Drittel luftgetrocknet. Tendenz hier über die Jahre steigend“, so Fritz Kästel. Nicht missen wollen sie den neuen Automatenmischwolf AE 130 M (Seydelmann) mit Hebevorrichtung für die roten Kisten und dessen niedrige Arbeitshöhe.

Doch das ist nicht alles. Zahlreiche regionaltypische Sorten wie Kartoffel- oder Schwartenwurst, Leberwurst, Blutwurst mit Einlage, dazu kreative Platten, Präsente und küchenfertige Gerichte aus der Theke u.v.m. bereichern das Sortiment. Neben dem Laden liefert die Metzgerei Ahle Wurst und Gläser an ca. 50 Rewe-Märkte hessenweit, die in „Wurstmacher“-Standdisplays präsentiert werden (Siegel: Geprüfte Qualität Hessen). Dies macht etwa 18 bis 20 % vom Umsatz aus. Catering und Partyservice etwa 10 %. Und die Handwerkskunst wird weitergeben. Zwischen 1995 und 2025 wurden 30 Azubis ausgebildet, davon fünf Kammersieger und bekannte Handwerker/-innen wie Eike Korell, Michael Wolny, Johannes Bechtel, Maximilian Grebe oder Fabian Engel.
Das Jubiläumsfest
Zum Jubiläumsfest am 27. Juni 2026 wurde die Straße vor dem Laden gesperrt und ein Festzelt aufgestellt. Highlights waren neben musikalischen und kulinarischen Genüssen, ein Mega-Foodtruck (Metzgerei Hamm), Aktionen für Kinder, ein Glücksrad, ein Gewinnspiel auf der Basis von elf Episoden zur Familiengeschichte, die online und per Handzettel Infos dazu bereithielten, eine Talkrunde zur Ahlen Wurst und eine Ahle-Wurst-Modenschau.
Für der eigene Jubiläumszeitung wurde Maximilian Kästel gefragt, welche Werte seine Eltern ihm mitgegeben haben? Seine Antwort: „Pflege, Ordnung und Achtsamkeit, diese Punkte helfen in jeder Hinsicht, ob im Umgang mit Kunden, Kollegen, Arbeitsmaterial oder Produkten. Wenn ich mir diese Regeln in Erinnerung rufe, komme ich gut durch den Tag“. Marco Theimer
Text und Fotos: Marco Theimer