Aus der Kosmetikschule hinter die Metzgertheke, in den mobilen Verkaufswagen: Annika Markus packte in Folge der Corona-Pandemie die Gelegenheit beim Schopfe und wechselte in den Beruf der Fleischerei-Fachverkäuferin. In der Metzgerei Haller in Villingen-Schwenningen hat sie ihren Platz gefunden.
Erstmals trafen wir uns Anfang Juli 2025 beim 150. Jubiläum des Deutschen Fleischer-Verbandes in Berlin. Dort stand sie als eines der damals neuen Mitglieder der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks mit ihrem Kollegen Moritz Becker auf der Bühne und berichtete den geladenen Gästen souverän im Interview über ihren Berufswechsel und die Chancen in Metzgerhandwerk. Gut ein Jahr später begrüßen mich die 24-Jährige und ihr Chef Werner Schmidt in der Metzgerei, in der sie nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung seit 2024 fest angestellt ist. „Schön, dass wir uns hier wiedersehen“, sagt sie. Nach einem kurzen gemeinsamen Gespräch und Foto verlässt uns Werner Schmidt. Auch er ist kein Unbekannter, da ich die Metzgerei schon 2014 in einer Reportage vorgestellt hatte.
„Aus drei Monaten wurden zwei Jahre…“

Nach dem Realschulabschluss an einer Waldorfschule machte Annika Markus an einer Privatschule in Stuttgart – zu der sie täglich hin pendelte – eine einjährige Ausbildung zur Kosmetikerin. Doch die Corona-Pandemie bot ihr keine berufliche Perspektive. „Da meine Mutter hier in der Metzgerei arbeitet, lag der Schritt hier einzusteigen nahe. Aus drei Monaten wurden zwei Jahre und ich bin immer noch da“, lacht sie. Sie stieg 2022 ins zweite Lehrjahr ein, beendete ihre zweite Ausbildung, war Innungssiegerin im Fachverkauf und wurde Zweite im Landeswettbewerb in Baden-Württemberg. 2023 nahm sie mit dem angehenden Fleischer Mathias Schillinger am Berufsschulwettbewerb der SÜFFA teil. Für ihre Leistungen im Plattenlegen und Tisch dekorieren freuten sich beide über eine Gold-Wertung. „So konnte es für mich voll motiviert weitergehen“, blickt sie zurück. „Das Thema Ernährung interessierte mich schon immer. Ich war sogar bis etwa 16 oder 17 Vegetarierin. Heute esse ich Fleisch in Maßen und: Generell schadet eine zweite Ausbildung ja nie“, grinst sie.

In der Regel „on tour“
Während sie in ihrer Ausbildung je nach Bedarf im Stammhaus der Metzgerei, der Anfang 2025 geschlossenen Filiale am Oberen Tor in der Stadt oder der dazugehörigen Dauchinger Landmetzgerei – dem Ursprung der Familie Schmidt – arbeitete, ist sie heute allein oder mit Kolleginnen oder Kollegen fünf Tage pro Woche im mobilen Verkaufsanhänger im Einsatz. „Der Anhänger wird in Dauchingen bestückt – teilweise am Vortag – und um 6 Uhr geht’s los“, berichtet sie. Ein Kollege fährt sie im Auto samt Anhänger zu den wechselnden Standorten in der Region, an denen die Kunden zwischen 7:30 und 12:30 Uhr in den Genuss der Hallerschen Spezialitäten kommen: dienstags am Rathaus in Pfaffenweiler, mittwochs am Markt in Schwenningen, donnerstags in Trossingen, freitags in Bad Dürrheim und samstags in Schwenningen. Nach den Einsätzen wird der Anhänger am Startort ausgeladen und geputzt, damit er wieder einsatzbereit ist. „Der Kontakt mit den Kunden und Kundinnen macht mir einfach Spaß“; sagt sie. „Mein Ziel war es aktiv mit Menschen zu arbeiten, sie individuell zu beraten und ihnen Tipps zu geben. Das ist mir gelungen“, ergänzt sie. Montags habe sie meist frei. Ab und zu arbeitet sie im Stammgeschäft. Hier gibt es neben einer vielfältigen Auswahl in der Theke wechselnde Mittagsgerichte an der Heißen Theke sowie Sitzplätze und einen angegliederten 24/7-Shop mit Automaten, an denen die Kunden bargeldlos einkaufen können. Ein solcher war in der geschlossenen Filiale mangels Parkplätze in der City keine Alternative.
Ihren Berufswechsel bereute sie nicht, auch wenn sie vor einigen Wochen eine Sehnenscheidenentzündung zur Auszeit zwang: „Unser Beruf wird sehr unterschätzt. Man kann sich kreativ ausleben, hat Kontakt mit Menschen und lernt im Team zu arbeiten. Es ist eben ein beständiges Handwerk“, sagt sie selbstbewusst.
Ein tolles Team

Beim Landeswettbewerb Baden-Württemberg lernte sie eine heutige Kollegin aus der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks kennen: Jaqueline Knüpfer, die Jurorin war. Obwohl sie Zweite wurde, hatte sie die Chance im November 2024 am Casting für das Team in Dresden teilzunehmen. „Die Nachricht, dass ich dabei bin, hat mich sehr gefreut und motiviert“, betont sie. Beim Jahrestreffen 2025 in Bad Arolsen lernte sie ihre anderen jungen Kollegen und Kolleginnen kennen. „Die Teamgemeinschaft ist unfassbar. Wir haben einen gemeinsamen Nenner. Obwohl es so unterschiedliche Charaktere sind, verstehen wir uns sehr gut“, sagt sie. Highlights für sie waren die IFFA 2025 mit den Wettbewerbssituationen bei den Disziplinen der „Butcher Master Challenge“ und das Kennenlernen der Partnerunternehmen, das 150-jährige DFV-Jubiläum und das pkm-Sommerfest in Berlin. Jüngst folgte der Besuch bei der Maschinenfabrik Seydelmann. Im November der SÜFFA-Einsatz, auf den sie sich freut. „Sozusagen ein Heimspiel“, lächelt sie.
Und welche Ziele verfolgt sie? „Ich habe eine finanzielle Zusage für ein Weiterbildungsstipendium, das aber bis Ende 2027 stattfinden muss“, berichtet sie. Ob es ein Kurs zur Verkaufsleiterin, Fleischsommeliere oder etwas anderes Angebot sein wird, steht noch in den Sternen. Ein paar berufliche davon hat sie sich ja schon vom Himmel geholt. Marco Theimer